Nun geht es in heimische Tonträgergefilde. Der nächste Interpret hat Gitarre bei Fisk und Laute bei Hübscher studiert und offenbar viel mit Jazz zu tun gehabt. Letzteres ist bei einem Teil des Repertoires ausgesprochen nützlich:
Musik über Musiker: Nach Dyens »Saudade Nr 3« im schrägbrasil-Tonfall folgt »Eloge de Leo Brouwer« mit Brouwer-Zitaten, ein faszinierendes dreisätziges Werk. Hier sind Augenzwinkern (a la Brouwer: welches ist der schrägste Akkord den Sie kennen?) und Virtuosität gefragt, und da läßt Etschmann aber auch nichts zu wünschen übrig. Große Klasse!
Wenn wir schon dabei sind: als nächstes kommen Brouwers frei Variationen über Django Reinhardts »Nuages«, sehr schön, pfiffig und spritzig gespielt. Noch eine Widmung: Brittens Nocturnal nach Dowlands »Come heavy sleep« spielt Etschmann sehr, sehr ernst, voller Würde und mit Faszination.
Hinzu kommt, ungewidmet, Gismontis »Agua e Vinho« (orig. für Klavier, hier in der Gitarrenfassung von Alvaro Pierri), im Verhältnis zu Dyens und Brouwer eine eher leichte Komposition, zur Entspannung auch mal gut.
Zum krönenden Abschluß (als ob der noch nötig gewesen wäre) hören wir Bachs Suite in D BWV 1012, ursprünglich für den Cellozwitter Violoncello piccolo bzw. Viola pomposa (eine Oktave höher) geschrieben, hier in der Gitarrenfassung des Interpreten. Das Präludium beginnt außergewöhnlich spröde, ja eigentlich zu langsam, was den improvisierten Charakter angeht, um dann am Schluß in den schnellen Partien kurzfristig zu prasseln. Daß in dieser großen Ruhe System steckt, merkt man dann in der Allemande: wie die Bach’schen Cellosuiten, ausgehend vom Präludium, immer präziser auf den Punkt kommen, tastet sich Etschmann hier von Satz zu Satz, von Entwicklung zu Entwicklung und bietet uns nach dem leicht irritierenden Anfang ein Suite aus einem Guß.
Das ist so eine Aufführung, bei der das Publikum nach dem Schlußton ein paar Sekunden durchatmen muß!
erschienen in Musikblatt